SUVAT | Black Box

Eröffnungsrede von Prof. Dr. Benedikt Sturzenhecker, Universität Hamburg

Suvat ist Thai chinesischer Herkunft, er ist in Bangkok geboren und aufgewachsen. Er hat in London und in Hamburg gewohnt und in Wien Kunst studiert. Er lebt seit fast 30 Jahren in Wien, er ist ein Wiener.
Als SUVAT nach Deutschland bzw. Österreich kam, ergaben sich für ihn erhebliche Sprach- und Verständigungsprobleme. Er sprach schon einen chinesischen Dialekt, Thai und Englisch und lernte als weitere Fremdsprache Deutsch. Er empfand es als besonders schwierig, Gefühle in der neuen Sprache zu kommunizieren. Um dieses dennoch zu schaffen, suchte er nach einem nichtsprachlichen Ausdrucksmedium und fand die Malerei. Sein Arbeitsplatz war nur ein kleiner Tisch, an dem er mit Farbe arbeiten konnte. Er nannte diesen Ort „meine Ecke“. Auch die Materialien waren einfach: DIN A4 Papier, Pigmente und Wachs. Er arbeitete die farbigen Pigmente in mehreren Schichten mit den Händen in das Papier ein, so entsteht buchstäblich eine Tiefenschichtung der Farbe. Die einzelnen unterschiedlich farbigen Blätter stellte er zu „Pärchen“ zusammen, später wurden die Blätter zu größeren Gruppen kombiniert.

DIN A4 ist SUVATs Format.

Das einheitliche Papierformat DIN-A4 entwickelte der Berliner Ingenieur Dr. Walter Porstmann 1922.

Entscheidend für den Charakter der DIN Formate ist, dass nicht von einer Seitenlänge in Zentimetern, sondern von der Flächeneinheit ein Quadratmeter ausgegangen wurde. Es wurde ein konstantes Seitenverhältnis von 1:Wurzel aus 2 (1:1,41) festgelegt. Das erlaubt, die Formate durch Hälftung oder Verdopplung zu erzeugen und ihre Ähnlichkeit zu sichern. Das Ausgangsformat A0 hat dann die Abmessungen 841 mm x 1.189 mm, und A0 vierfach gefaltet ergibt A4 mit den Seitenlängen von 210 mm x 297 mm. Warum so kompliziert möchte man sagen, aber die Wirkung von DIN A4 entsteht nicht aus der Verwendung von ganz einfachen Zentimetermaßen: also etwa 20 x 30 cm, sondern aus dem spezifischen Verhältnis der beiden Seitenlängen zu einander, das erst die Harmonie des gesamten A-Schemas erzeugt.

Vor 1922 waren andere, sehr unterschiedliche Papierformate gängig, wie Colombier, Elefant, Imperial, Kanzlei, Lexikon, Median, Oktav, Pandekten, Propatria, Quart, Regal oder Register.

Papier in DIN A4 ist immer schnell verfügbar, fertig geschnitten, gut zu verpacken und zu transportieren – SUVAT ist mit etwa 100 Blättern im Rucksack nach Bielefeld gekommen – platzsparend zu lagern und klar und entschieden in seiner Form. DIN A4 ist eine konstante Unterströmung in unserem Alltag, es ist überall, und wir nehmen es überhaupt nicht mehr wahr. DIN A4 schafft Ordnung, ist berechenbar und verlässlich.

Auf diese eindeutige Folie bringt SUVAT diese vieldeutigen Farben auf; dieser flachen Fläche gibt er farbige Tiefenschichten.

Auf eine weitere Werkgruppe bezieht sich der Titel der Ausstellung. SUVAT nutzt bei diesen Arbeiten weiter das DIN A4 Format, beschränkt sich aber auf ein Farbspektrum von Weiß, Schwarz und Grautönen und verwendet kleine Figuren, die in verschiedenen Raumverhältnissen kombiniert werden.
Auf der Basis dieser einfachen Grundstruktur erreicht er einen vielfältigen Ausdruck. Nach den Tiefenschichtungen der Gefühle in den Farbblättern thematisiert SUVAT in den aktuellen Arbeiten das Soziale, also Beziehungen der Menschen untereinander. Er zeigt Settings von menschlichen Figuren im Raum. Häufig wirkt der Raum wie eine Bühne, auf der die Figuren in unterschiedlichen Konstellationen gruppiert sind. Die Figuren sind eher stereotyp, eine spezifische Individualität ist kaum erkennbar. Sekundäre Geschlechterkennzeichen (wie Anzug oder Kostüm) geben sie als Mann oder Frau zu erkennen, aber weitere Einordnungen in Ethnie oder gar personalen Charakter sind selten möglich. Tiere und Gegenstände tauchen auf, eingebunden in Gesten und Handlungen des Personals.
Spannung entsteht durch die Verhältnisse der Figuren im Raum, der nur durch wenige dünne gerade Linien in eine Art „vorne“ oder „hinten“, „drinnen oder draußen“ strukturiert wird. Raumstrukturen, Raumpositionen, Körperhaltungen und Gesten stellen Verhältnisse her.

Was aber geschieht da zwischen den Figuren?

Diese Frage macht der berühmte amerikanische Soziologe Erving Goffman zum Ausgangspunkt seiner Analysen sozialen Handelns. Denn Menschen, die in eine soziale Situation kommen, stehen vor der Frage: „ Was geht hier eigentlich vor? Ob sie nun ausdrücklich gestellt wird, wenn Verwirrung und Zweifel herrschen, oder stillschweigend, wenn normale Gewissheit besteht - die Frage wird gestellt, und die Antwort ergibt sich daraus, wie die Menschen weiter in der Sache vorgehen.“ (Goffman 1974, dt. 1977, S. 16) Und wie gehen sie vor? Wie gehen wir vor? Die potentielle Ungewissheit, die Notwendigkeit, sich immer wieder neu zu orientieren, ist verunsichernd und anstrengend. Deshalb greift man auf Erfahrungsschemata zurück, also aus eigenen sozialen Erfahrungen entstandene Modelle über soziale Situationen. Diese Schemata nennt Goffman: „Rahmen“. Wenn die Frage: What the hell is going on here? auftaucht, versuchen wir das Wahrgenommene in unsere bereits vorhandenen Rahmen einzuordnen, wir definieren die Situation nach dem, was wir schon kennen. Das funktioniert oft, aber keinesfalls immer.

Zwei Mächte, die diese Sicherungsstrategie durchkreuzen, möchte ich hier nennen:
Zum einen die bildende Kunst der Moderne und Spätmoderne, die uns Bildern und Situationen aussetzt, die wir nicht ohne weiteres er-kennen und schnell mal eben rahmen können.
Kunst thematisiert, was unlösbar bleibt.
„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.“ sagt der eine Österreicher, namens Wittgenstein; „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man malen.“ sagt der andere Österreicher, namens SUVAT.

Eine andere Macht der Durchkreuzung vermeintlich sicherer Rahmungen ist die Globalisierung, sie produziert eine Vervielfältigung von irritierenden Situationen, die unsere bisher angeeigneten Erfahrungsschemata nicht einfach und erfolgreich lösen können. Immer wieder bleibt da als Antwort auf die Frage „What the hell is going on here? “ nur Andy Warhols Standardantwort: „I don´t know.“

Ein Begriff der behavouristischen Psychologie am Anfang des 20. Jahrhunderts für etwas, das man nicht versteht, lautet: BLACK BOX: eine schwarze Kiste, in die man nicht hineinsehen kann. Im Bezug auf menschliches Handeln kann man zwar Reize erkennen, die auf einen Menschen einwirken, und man kann auch erkennen, wie er oder sie darauf reagiert, aber man weiß nicht, was zwischen Reiz und Reaktion passiert, also auf welche Weise der Reiz im Menschen verarbeitet wird, so dass eine bestimmte Reaktion entsteht. Wir kennen also das Vorher und Nachher, aber nicht das Dazwischen, das bleibt in der BLACK BOX verborgen.
Schaut man sich SUVATs Arbeiten an, könnte man auf die Idee kommen, dass er uns Einblicke in die Rätsel der schwarzen Kisten anbietet.
Bei seinen Arbeiten kennen wir das Dazwischen, aber nicht das Vorher und Nachher. Und schaut man in seine schwarzen Kisten, trifft man gelegentlich nur auf wieder neue schwarze Kisten. Er stellt in den Bildern zwar Rahmen auf, aber diese verhelfen uns nicht zu eindeutigen Definitionen.
Alles bleibt irritierend.

Dazu ein kurzer Auszug aus 'Lecture on Nothing' von John Cage, gehalten 1950:
"Here we are now at the beginning of the fourth large part of this talk. More and more I have the feeling that we are getting nowhere. Slowly, as the talk goes on, we are getting nowhere and that is a pleasure. It is not irritating to be where one is. It is only irritating to think one would like to be somewhere else. Here we are now a little bit after the beginning of the fourth large part of this talk. More and more we have the feeling that I am getting nowhere. Slowly, as the talk goes on, slowly, we have the feeling we are getting nowhere. That is a pleasure which will continue. If we are irritated it is not a pleasure. Nothing is not a pleasure if one is irritated, but suddenly, it is a pleasure, and then more and more it is not irritating (and then more and more and slowly). Originally we were nowhere; and now, again, we are having the pleasure of being slowly nowhere. (Cage 1961, S.119)”
Das Vergnügen der Irritation?
Auszug aus der Website des Deutschen Instituts für Normung, DIN. („DIN“ wird übrigens auch verstanden als: Deutsche Industrie Norm und „Das ist Norm!“)

„Erfolg durch Normung: Normen erbringen einen hohen betriebs- und volkswirtschaftlichen Nutzen, der für Deutschland auf rund 16 Milliarden Euro pro Jahr beziffert wurde. Normung ist ein strategisches Instrument im Wettbewerb. Unternehmen, die sich an der Normungsarbeit beteiligen, erzielen Vorteile durch ihren Wissens- und Zeitvorsprung. Sie können dadurch Forschungsrisiken und Entwicklungskosten senken. Normen fördern den weltweiten Handel und dienen der Rationalisierung, der Qualitätssicherung, dem Schutz der Gesellschaft sowie der Sicherheit und Verständigung.“

Immer wieder fragen Leute SUVAT: „SUVAT, woher kommst Du eigentlich?“ und SUVAT antwortet: „I bin a Tiroler!“, und dann grinsen die Leute etwas ungläubig und sagen: „Ja, aber man sieht doch, dass du irgendwie aus Asien kommst.“ Und SUVAT antwortet: „A geh, so a Schmarrn!“
Immer noch irritiert? Lösen wir die Rätsel auf. Der Dichter Rainer Maria Rilke hat 1899 genau beschrieben, was wir auf SUVATs Bildern sehen:

Menschen bei Nacht

Die Nächte sind nicht für die Menge gemacht.
Von deinem Nachbar trennt dich die Nacht,
und du sollst ihn nicht suchen trotzdem.
Und machst du nachts deine Stube licht,
um Menschen zu schauen ins Angesicht,
so musst du bedenken: wem.

Die Menschen sind furchtbar vom Licht entstellt,
das von ihren Gesichtern träuft,
und haben sie nachts sich zusammengestellt,
so schaust du eine wankende Welt
durcheinandergehäuft.
Auf ihren Stirnen hat gelber Schein
alle Gedanken verdrängt,
in ihren Blicken flackert der Wein,
an ihren Händen hängt
die schwere Gebärde, mit der sie sich
bei ihren Gesprächen verstehn;
und dabei sagen sie: Ich und Ich
und meinen: Irgendwen.

Quellen:

Cage, John 1961; Silence: Lectures and Writings by John Cage. Wesleyan University Press, Hanover

Deutsches Institut für Normung: http://www.din.de/cmd?level=tpl-bereich&menuid=47388&cmsareaid=47388&languageid=de; Zugriff vom 19.11.09

Goffman, Erving 1977: Rahmen-Analyse. Ein Versuch über die Organisation von Alltagserfahrungen. Frankfurt/M.

Rilke, Rainer Maria 1986: Die Gedichte in einem Band. Frankfurt/M. 1986