Matthias Müller | Chat Rooms

Rede zur Ausstellung von Kristina Tieke, Kunstkritikerin, Hannover

Bei der Recherche für diesen Abend habe ich bei Google die Stichworte eingegeben: „chat rooms contemporary art“. Gleich auf der ersten Seite poppte der Link auf „pre-Internet chatroom conversation between Jim Hanson, Ayn Rand, Yoko Ono and Sidney Nolan“. Die Seite enthält das Skript einer fiktiven Konversation, die im April 1976 – also vor exakt vierzig Jahren – über das ARPANET stattgefunden haben soll, ein experimentelles Computernetzwerk des amerikanischen Verteidigungsministe-riums. Wahr ist, dass dieses ARPANET tatsächlich der Vorläufer des Internets ist und von Anfang an zum Chatten diente. Das Gespräch zwischen Hanson, Ayn Rand, Yoko Ono and Sidney Nolan aber ist erfunden. Es ist Teil eines Kunstprojekts, das sich „The Arpanet Dialogues“ nennt.

Mag sein, dass ich deshalb auf dieser Seite hängenblieb, weil mich die Vorstellung des Pre-Internet faszinierte, die Schwellensituation zwischen der analogen und der digitalen Welt. Vielleicht aber war es auch nur die naheliegende Assoziation „Yoko Ono – Bielefeld“. Das Tolle aber an dieser Seite, das stellte sich schnell heraus, ist eigentlich der Schlagabtausch zwischen der einflussreichen amerikanischen Autorin Ayn Rand und dem Erfinder der Muppets, Jim Hanson. Rands politische Philosophie redet dem entfesselten Kapitalismus das Wort und gründet in der These, nur das persönliche Glück sei ein lohnendes Ziel. Hanson kontert darauf, Mrs. Rand und seine Muppets-Figur Oscar the Grouch hätten sich sicher viel zu sagen. (Oscar, Sie wissen schon: das pelzige, grüne Wesen in der Mülltonne.) Warum? Weil Oscar das ultimative Ziel erreicht habe, auf das Ayn Rands Ideen hinauslaufen: Isolation, Verachtung für andere, ein hartes Herz. Wie hier die Forderung nach persönlichem Glück mit ihrem Gegenteil kurzgeschlossen wird, mit Frustration und Verzweiflung, ist sensationell.

Zum Motiv der Mülltonne: In einem realen Interview hat der amerikanische Soziologe Richard Sennett 2007 betont: "Manchmal wenn ich mich durch diese Weblogs klicke, wo Menschen alle Aspekte ihres intimen Lebens online veröffentlichen, kommt es mir vor, als würden sie Müll in einen Abfalleimer, in dem Fall in ihren Computer, tippen." Vor mehr als dreißig Jahren warnte Sennet in seinem Werk "Verfall und Ende des öffentlichen Lebens“ bereits vor der „Tyrannei der Intimität“, als das Internet in der heutigen Form nicht mal vorstellbar war. Die Menschen, schreibt Sennett darin, „[...] hegen die Erwartung, Nähe erzeuge auch Wärme. [...] doch ihre Erwartung wird enttäuscht. Je näher die Menschen einander kommen, desto ungeselliger, schmerzhafter, destruktiver werden ihre Beziehungen zueinander“. Auch hier das gleiche Paradox, wie von Jim Hanson konstatiert: die Sehnsucht nach Intimität, nach Wärme und persönlichem Glück bringt ihr Gegenteil hervor: Isolation, Kälte, Unglück.

In seinen neuen Arbeiten begibt sich Matthias Müller auf eben jenes spannende Terrain der Chat Rooms, die heute im Web 2.0 per Webcam-Stream sogar live in die privaten Räume der Beteiligten führen. Dabei fokussiert er eine spezielle Sphäre des Internet, in der die Selbstpornographisierung der Akteure im Mittelpunkt steht. Bei der virtuellen Kontaktaufnahme zwischen Akteur und Zuschauer geht es um die Intensivierung des sexuellen Erlebnisses. Dabei mag sich die Übertragung in Echtzeit über Stunden erstrecken, manchmal über Tage, so dass der Stream schließlich zum Spiegel des Alltags wird. Müller hat diese Selbstinszenierungen bis zu jenem Punkt verfolgt, in der die Akteure die Szene verlassen. 1500 Screenshots hat er binnen eines Jahres von diesen menschenleeren, zum Teil desolaten Räumen geschossen. Sie bilden das Archiv, aus dem die Arbeiten dieser Ausstellung hervorgegangen sind.

Dabei ist die Entscheidung, auf die menschlichen Protagonisten zu verzichten, nur auf den ersten Blick ein radikaler Schnitt. Denn den intimen Interieurs wohnt weiterhin etwas gleichsam Obszönes inne. Allen Darstellungen von Innenräumen scheint diese Aura eigen, weil sie das präsentieren, was verborgen bleiben sollte. Schließlich setzen Müllers Bilder auf den Exhibitionismus derjenigen, die sie ins Netz gestellt haben, und auf den Voyeurismus der Betrachter. Den verführen sie zu Reflexionen über Vertrautheit und Begehren, über die eigenen Sehnsüchte und Ängste – gerade deshalb, weil die menschlichen Stellvertreter fehlen. Deren Abwesenheit verweist zugleich auf die existenzielle Erfahrung von Einsamkeit und Verlust.

In der Edition „You Are Here“, einer Box mit hundert Postkarten, gewinnen wir Einblick in hundert verlassene Innenräume mit einer Gemeinsamkeit: An den Wänden hängen geographische Karten jeglicher Art: Stadtpläne, Landkarten, Ausschnitte aus Atlanten. Sie spiegeln den Wunsch nach der Teilhabe an einer anderen, größeren, glanzvolleren Welt. Und sie erzählen von einer seltsamen Ambivalenz, die darin besteht, dass der virtuelle Raum im Internet, dessen tatsächliche Adresse die Akteure durch Fantasienamen wie „Neverland“ oder „Somewhere“ verschleiern, mit Hinweisen auf den real existierenden Standort verknüpft wird. Hier zeigt sich der unauflösbare Konflikt grenzenloser Nähe: Die Sehnsucht, gleichzeitig anonym und verortet zu sein, individuell und doch omnipräsent, lässt sich wohl kaum erfüllen. Matthias Müller hat für diese bittere Erkenntnis das perfekte Format entwickelt. Indem er die Screenshots in Postkarten verwandelt und so in die Hand des Betrachters gibt, der sie berühren und bewegen muss, stellt er die Intimität wieder her, die im World Wide Web verloren ging.

Das ist überhaupt das Prinzip dieser Ausstellung, die das Digitale analogisiert und also jene Schwellensituation herstellt, dich mich anfangs an der „pre-Internet chatroom conversation“ fasziniert hat. In einer Zeit, in der das Analoge verloren geht, leisten Müllers „Chat Rooms“ die Trauerarbeit für eine Generation, die beide Epochen kennt. Zugleich schließt die Kombination von Digitalfotografie privater Räume und ihrer Rückführung ins Analoge zwangsläufig an die Tradition der Gattung historischer Interieurs an.

In einem Essay über Éduard Manets Gemälde „Le Garçon à la bulle de savon“, das eine besondere Bedeutung für ihn besitzt, schreibt Matthias Müller: „Betrachte ich ein Bild intensiv, befinde ich mich inmitten solcher Assoziationssplitter. Je einfacher les-bar das jeweilige Werk, desto komplexer das Geflecht aus flüchtigen Déja-vus und vagen, kaum identifizierbaren Erinnerungen an ähnliche Bilder. In der privilegierten
Situation einer konzentrierten und kontemplativen Wahrnehmung geht das singuläre Motiv eine Reihe imaginärer Wahlverwandtschaften ein.“

Nicht nur wegen der Landkarten an den Wänden und der zum Teil delikaten Lichtstimmungen der Postkarten in „You Are Here“ darf man sich also etwa an Jan Vermeers Werke erinnern und an eine häusliche Welt, die als Inbegriff bürgerlicher Idylle gilt. Vielleicht auch an die Biedermeier-Räume des 19. Jahrhunderts oder an die melancholischen Interieurs des dänischen Symbolisten Vilhelm Hammershøi, Wenn diese Referenzen den Webcam-Bildern die Schönheit und Würde ihrer Wahlverwandten zuschreiben, dann scheint das ganz in Müllers Sinn zu sein.

Seine seriellen Kompositionen „While You Were Out“, eine Collage unzähliger Bürostühle, und „Waiting Rooms“, ein Fries aus 23 einzelnen Prints, überführen das Thema der Interieurs dagegen in ein ganz andersartiges Ordnungsprinzip. Es spielt mit Korrespondenzen und Kontrasten. Hier steht nicht mehr das Verständnis inhaltlicher Bedeutungen im Vordergrund, sondern eher die Wahrnehmung von Formen und Farben, Strukturen und Oberflächen, Beschaffenheit des Materials. Dabei konzentriert das serielle Prinzip eine Essenz der Realität, die in den Zufälligkeiten der Erscheinungen eine harmonische Ordnung sichtbar macht. Wieder scheinen Referenzen auf, Erinnerungen etwa an die Serie „Private Räume“, die Jörg Sasse in den 80er und 90er Jahren schuf und die den fotografischen Innenraum fragmentiert.

Die Aufwertung einer beiläufigen Alltagsästhetik durch Anleihen in der Hochkultur findet schließlich im Video „Air“ ihren Höhepunkt. Großflächige Schattenbereiche, subtile Lichtstimmungen, deren Quelle man in Fernsehern oder Computerbildschirmen vermuten kann, steigern die suggestive Atmosphäre der einsamen Räume. Zurückgelassene Gebrauchsgegenstände regen an, die abwesenden Menschen zu vergegenwärtigen. Ein Musikstück von Bach – das Italienische Konzert, auf den zweiten Satz reduziert – steigert die melancholische Stimmung. Visuell und musikalisch dominiert das Prinzip der Leerstelle.

Und hier liegt vielleicht das Geheimnis dieser Ausstellung, die auf die grenzenlose Nähe der Chat Rooms mit Verzicht antwortet. Sie scheint auf Richard Sennetts Forderung zu reagieren: "Die Dinge, die einem wirklich wichtig sind, behandelt man mit mehr Achtsamkeit. Nicht so wie dieses endlose Berichten aller Details des alltäglichen Lebens. Es ist ein unermessliches Ödland an Geständnissen und Offenbarungen, das diese Blogs ausfüllen."

Die Haltung von Matthias Müllers Kunst bleibt hier entschieden pre-Internet. Sie hat etwas von Franz Grillparzers Versen: „Mein Kummer ist mein Eigentum / Den geb’ ich nicht heraus.“