Birgit Hölmer | heavy forest

Eröffnungsrede von Friederike Fast, MARTa Herford

Die Ausstellung „heavy forest“ mit Arbeiten der Berliner Künstlerin Birgit Hölmer zeigt mehrere kleinformatige und eine großformatige Arbeit, die Waldmotive darstellen.
Die deutsche Kulturgeschichte ist – wie keine andere – eng mit dem Wald verknüpft. Nicht nur in Heldensagen und Märchen begegnet uns das Waldmotiv, vor allem in der Kunst und Literatur der Romantik aber auch in der Ideologie der Nationalsozialisten spielt der Wald eine wichtige Rolle. Dabei wird das Waldmotiv von verschiedenen Vorstellungen begleitet: Diente der Wald dem Menschen in der Vergangenheit als Nahrungs- und Rohstoffquelle (Früchte, Kräuter, Waldtiere, Brennholz, Baumaterial), war er zugleich ein Ort der Gefahr vor wilden Tieren und Räubern oder Ort der Verbannung. Erst durch die zunehmende Erschließung und Kultivierung wurde der Wald zu einem kontrollierten Raum. Als strukturierter Forst mit Wanderwegen, Bänken, Wegweisern und verkehrstechnisch gut angebunden fungiert er heute vor allem als Erholungsgebiet.

In den Arbeiten von Birgit Hölmer begegnet uns aber kein befriedeter, kultivierter Wald – bis auf kleinere Wegschneisen fehlen alle Hinweise auf eine Infrastruktur – und den Menschen vermissen wir ganz. Der „heavy forest“ von Birgit Hölmer ist düster, geheimnisvoll, wenn nicht sogar bedrohlich. Manches Mal scheinen sich in den Schatten und Schemen geisterhafte Fratzen zu verstecken, und man meint fast, in den dichten und dunklen Strukturen der Linien hängen zu bleiben. Hölmer beschwört mit ihren Arbeiten einen lange schon nicht mehr existenten Urwald oder eine unheimliche Märchenwelt aus unseren Kindertagen herauf. Wir fühlen uns mit der alten Frage der Hilflosigkeit des Menschen gegenüber der übermächtigen Natur konfrontiert, und wir erkennen uns in den Arbeiten als Prothesengötter wieder, die dazu genötigt sind, eine 2. Natur – eine Kultur – zu erschaffen, die uns Schutz und Halt in der ungastlichen Welt gibt.

Für die großformatige Arbeit im Fenster hat sie ein Motiv der kleinformatigen Grafiken auf einen semitransparenten Gaze-Stoff übertragen, indem sie von der Rückseite mit Hilfe eine Spritzpistole schwarze Acrylfarbe aufgetragen hat, so dass sie die Vorderseite durchdringt und sich dort als reliefartige Struktur absetzt. Bei den großen Arbeiten scheint das Wald-Motiv geradezu aus dem Stoff „herauszuwachsen“. Ähnlich wie ein Teppich-Knüpfer überträgt sie das die gerippeartige Struktur des Motivs auf ein anderes Material, das es ermöglicht, das Motiv – fast wie ein dreidimensionales Objekt – von verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Spannend ist auch die Veränderung der Arbeit, die durch verschiedene Lichteinstrahlung hervorgerufen werden kann. Es ist faszinierend, wie obsessiv sich Birgit Hölmer an einem Motiv oder einem Material, das sie einmal gefunden hat – ich möchte fast sagen – „abarbeitet“. So hat sie in früheren Arbeiten zum Beispiel über einen längeren Zeitraum das Material Seife auf ganz verschiedene Weise bearbeitet.

Wenn Birgit Hölmer auch einige Jahre in Bielefeld am Teutoburgerwald lebte, so hat sie nicht während dieser Zeit das Waldmotiv für ihre Arbeit entdeckt, wie man vielleicht denken würde, sondern sie hat erst in Berlin dazu gefunden. Zwar mag auch die Sehnsucht zur Natur sie dazu bewegt haben, sich in den Wald zu begeben, aber wir können das Waldmotiv auch als Psychogramm unserer Gesellschaft lesen – ganz in der Tradition der romantischen Landschaftsdarstellung eines Caspar David Friedrich. Als eine „mentale Landschaft“ steht der Wald bei Hölmer für Einsamkeit und Hilflosigkeit gegenüber unübersichtlichen Strukturen. Gerade in einer Metropole wie Berlin zählen Einsamkeit und Verwirrung zur grundlegende Alltagserfahrung.
Während es dem Betrachter bei den lebendigen und sehr präzisen Zeichnungen und Radierungen aufgrund des kleinen Formates leichter fallen mag, die Motive zu erfassen, wird die Struktur in der großen Arbeit aus näherer Betrachtung beinah abstrakt und man droht sich darin zu verlieren. Wenn Sie nun Sorge haben, dass Sie zu tief in den Wald hineingeraten könnten, bin ich sicher, dass die Künstlerin Sie sehr gerne auf diesem Weg in den Wald hinein begleitet...