Gabriele Undine Meyer | Inside Out

Inside Out: Persönlich, aber nicht Privat

Einführung in die Ausstellung durch Friederike Fast, Kuratorin, Marta Herford

„Inside Out“ ist ein sehr persönliches Projekt von Gabriele Undine Meyer – persönlich aber nicht privat, denn „privat“ bedeutet soviel wie „abgesondert, beraubt oder abgetrennt“. Bei der Arbeit der Künstlerin geht es um „das Eigene“ aber nicht um das, was man für sich behalten möchte, sondern um das, was, man mit anderen teilen möchte. Auf bestimmte Weise passt das Projekt daher ganz ideal in die Galerie GUM, einen besonderen Ausstellungsort, an dem zwischen Mein und Dein nicht scharf getrennt wird, sondern die Grenzen verschwimmen, wenn beispielsweise den Besuchern der Galerie ein Blick ins Wohnzimmer von Gabriele Undine Meyer erlaubt ist.
Mit „Inside Out“ öffnet sich die Galeristin und Künstlerin nach Außen: Zwei Leinwände hängen einander gegenüber – auf der einen mit dem Titel „Looking Forward“ ist die Rückensilhouette der Künstlerin zu sehen. Genau genommen sind es zwei Silhouetten: Eine von 1989 und darüber eine weitere von heute. Die Arbeit hängt im Schaufenster der Galerie und ist daher auch für Passanten von der Straße aus zu sehen.
Auf der zweiten Leinwand erkennt man eine größere Gruppe von Portraits; ehemalige FreundInnen der Künstlerin, mit denen sie sich im Laufe ihres Lebens verbunden fühlte und die sie prägten. Im Internet suchte sie nach diesen Personen und arrangierte sie zu einem Gruppenbild. Mit der Nähmaschine zeichnete sie in langwieriger Arbeit die Portraits auf den Stoff. Aus hellen Garnen gewirkt erscheinen sie auf dem weißen Grund beinah wie Geister aus der Vergangenheit.
„Found Lost Friends“ kann als eine Art Gegenstück zu „Looking Forward“ verstanden werden: Während Gabriele Undine Meyer mit der einen Arbeit eine Brücke in die Vergangenheit schlägt, beschreibt die andere einen gegenwärtigen Zustand und eröffnet zugleich einen Ausblick in die Zukunft. Durch die gegenüberliegende Installation der zwei Leinwände begibt sich der Betrachter dazwischen. Er reiht sich quasi in die Gruppe der Freunde ein und folgt, wie diese, der Blickrichtung der Künstlerin auf der anderen Leinwand, die in ein leuchtendes Weiß führt: Was in der Zukunft liegt, scheint diffus und ungewiss.

Diffus sind auch die Fotos in der Ausstellung. Sie zeigen Bilder von einem städtischen Innenhof, in dem die Künstlerin als Kind spielte. Als spezifischer Ort bietet ein Hof nicht nur Anlass für zwischenmenschliche Begegnungen, sondern – vor allem für Kinder – auch einen Schutzraum, viele geheimnisvolle Schlupfwinkel und Boden für fantasievolle Geschichten. Gabriele Undine Meyer suchte diesen einst verlorenen und unscharf gewordenen Ort aus der Kindheit wieder auf, der viele Begegnungen und Erinnerung birgt.

Verlieren und Wiederfinden, Vergessen und Erinnern ist ein zentrales Element im Werk von Gabriele Undine Meyer. So beispielsweise auch bei „Recall Katzenstein“ und „pro_jektion | ost“, in denen sie das düsterste Kapitel der deutschen Geschichte – den Holocaust – mit der eigenen Biografie und der Vertreibung der Mutter aus Schlesien konfrontiert.

Mit „Inside Out“ rückt sie die eigene Familiengeschichte erneut ins Zentrum und kehrt wortwörtlich das Innerste nach Außen, indem sie zunächst den Nachlass ihrer Mutter verarbeitet und sich dann mit ihren eigenen Erinnerungen auseinandersetzt. Im einheitlichen Format einer Schublade hat Meyer eine Form gefunden, um aus verschiedenen Materialien dreidimensionale Bilder zu schaffen.
Als Hobby-Schneiderin hinterließ die Mutter der Künstlerin, die an Demenz erkrankte und in ein Pflegeheim umziehen musste, einen reichhaltigen Hausstand, darunter auch allerlei Tand wie Fäden, Nähmaterialien, Schachteln und Bänder. In den vielen Jahren der eigenen künstlerischen Arbeit entstand in Meyers Atelier eine immense Sammlung an Materialien, Entwürfe und Experimente, die wieder verworfen wurden, Fundstücke, die dann doch keine Verwendung fanden. Diese Materialsammlung verwandelt sich unter der Hand der Künstlerin in einen wahren Schatz. Die Materialien werden neu sortiert, miteinander verbunden, regelrecht versponnen.
So wie Medaillons dazu dienen, den Liebsten oder die Liebste stets bei sich zu tragen, so eignen sich die Schubladen ideal dazu, dieses „Familienportrait“ nicht nur wie eine Art Guckkasten mit Deckel in der Galerie zu präsentieren, sondern auch an anderen Orten zu zeigen. Über zwanzig Wohnungen in der Nachbarschaft der Galerie GUM dienen als erweiterter Ausstellungsraum. Die Gastgeber wählten jeweils ihr persönliches Exponat aus und empfangen die Gäste in ihren Privaträumen zur gemeinsamen Betrachtung. Wenn ein Besucher den Deckel lüftet, offenbart sich darunter eine Welt der Miniaturen, lustige aber auch poetische und nachdenkliche Bilder. Sie zu entdecken, oder vielmehr zu „entdeckeln“, ist ein besonderer, beinah intimer Moment. Jede Schublade erzählt ihre eigene Geschichte und für jeden Betrachter anders. Auf diese Weise entstehen persönliche Begegnungen und neue Kontakte nicht nur zwischen der Künstlerin und ihren Nachbarn, sondern auch zwischen den Gastgebern und den Besuchern.

Diese besondere Qualität wusste auch Jan Hoet für sein legendäres Projekt „Chambre d`amis“ (Gästezimmer) in Gent zu nutzen: So gelang es ihm 1986 zahlreiche Bewohner der Stadt Gent dafür zu gewinnen, Kunstprojekte in ihren privaten Räumen zu präsentieren. Bewusst ließ er damit die Institution Museum hinter sich, um die Trennung von Kunst und Alltag zu überwinden. Ähnlich wie auch in den verbotenen Privatgalerien in der ehemaligen Sowjetunion entsteht dadurch ein besonderes Gefühl der Verbundenheit zwischen Gastgeber und Besucher, ganz ähnlich wie auch in der Galerie von Gabriele Undine Meyer. Die klare Trennung zwischen öffentlich und privat wird aufgehoben. Es entsteht eine persönliche Ebene und ein neues Maß an Involvement, das gerade heute eine Leerstelle füllen kann.

Friederike Fast, Kuratorin, Marta Herford