Klaus Richter | KLAUnS

Eröffnungsrede von Prof. Christoph Rust, Fachhochschule Bielefeld

Das gut durchdachte Ungefähre

Künstlerwege durchqueren immer unerforschte Gebiete. Dort gibt es Verzweigungen, Seiten- oder Umwege, die sich erst nach längeren Zeiträumen für den Betrachter und auch den Künstler in eine lesbare Karte, oder in der Sprache der Kunst ausgedrückt, in einen schlüssigen Werkprozess verwandeln. Das Ungefähre als Zielvorstellung erfährt eine Präzisierung durch den Arbeitsprozess, der wiederum neue Horizonte sichtbar macht.

Der Düsseldorfer Künstler Klaus Richter ist von seinem Werdegang her bildender Künstler – Meisterschüler von Prof. Alfonso Hüppi an der Düsseldorfer Kunstakademie, Bildhauer und Zeichner mit vielen Ausstellungen im In- und Ausland, darunter auch Projekte und Symposien in Osteuropa, in Lettland und in der Tschechei. Sein zweites Leben als performativer Künstler und Clown begann allerdings früher, nämlich bereits in seiner Kindheit. Klaus hatte Spaß an Kostümen, Verkleidung und der Welt des Circus, die ihn von da ab nicht mehr los ließ.
In seiner bildnerischen Arbeit der neunziger Jahre taucht dieses Interesse noch nicht in direkter Form auf. Schaut man aber von der heutigen Ausstellung auf die Skulpturen dieses Zeitraums zurück, so lassen sich schon gewisse Hinweise und Verbindungen zu diesem zweiten Leben finden: akrobatische Figurentürme und -kombinationen sowie die Skurrilität der Figuren und Tiere sind sowohl charakteristische Kennzeichen seiner skulpturalen Arbeiten als auch die der Welt des Circus.
Die Ausstellung in der Bielefelder Galerie GUM steht für eine integrative Synthese dieser beiden Welten, auf die Klaus Richter seit Jahren in beiden medialen Bereichen hingearbeitet hat.

„Ein Clown braucht nichts, kann aber alles.“
Dieser bemerkenswerte Satz fiel vor zwei Tage hier in der Galerie in einem Gespräch mit Klaus Richter über Clowns und die Welt seiner Bilder. Viel von der Faszination und Freiheit dieser einzigartigen Figur wird damit deutlich: Die Möglichkeit der Improvisation, der Provokation und letztlich der anarchischen Loslösung von jeglicher Regie schwingen hier mit und verdeutlichen, warum der Künstler gerade diese Circusfigur zum Thema generalis seiner Arbeit gewählt hat.

Betrachtet man die schwarz-weissen Bilder und Zeichnungen, so wird schlagartig klar, dass hier nicht süßliche Zirkusromantik irrlichtert und auch nicht das lustig-bunte Bild des dummen August entworfen wird.
Klaus Richter konzentriert sich vielmehr auf eine bestimmte Figur im Kollektiv der Clowns, die auch im Circus ohne Farbe auskommt, den sogenannten Weißclown. Diese weiß gekleidete Figur, die oft auch mit einer schwarzen Augenmaske kostümiert ist, hat eine lange Tradition in der Commedia dell´arte, der italienischen und französischen Volkskomödie. Einer der Vorläufer des Weißclowns ist die Bühnenfigur des Pierrot, der in der zweiten Hälfte des 16.Jahrhunderts manchmal auch als Intrigant und Spielverderber auftrat. In der Gegenwart kennen wir ihn eher melancholisch, wie etwa in der Figur des Pic im Circus Roncalli. Entscheidend für die ausschließlich in Schwarz und Weiß gehaltenen Bilder ist aber das Hintergründige, das diese Figur beinhaltet. „Humor beginnt, wo der Spaß aufhört“ so lautet ein Bonmot des Kabarettisten Werner Finck, und in den Bildern von Klaus Richter spiegelt sich hinter der Klamotte und den Scherzen auch das Wissen um das Scheitern und die Verwicklungen der Menschen. So lachen die mit dem Pinsel gezeichneten Gesichter nicht, sondern zeigen einen eher indifferenten oder bisweilen bedrohlichen Ausdruck, den der Betrachter hinter der Clownsmaske zu entschlüsseln hat.

Ein Beispiel dafür ist die Serie von Zeichnungen, die als wandfüllende Installation hier zu sehen ist. Klaus Richter war im Sommer des Jahres 2008 zu einem Symposium eingeladen, das auf dem Gelände einer Kohlemine in der Tschechei stattfinden sollte. Neben dem Namen für dieses Symposium, nämlich „Miners and Horses“, fand er auf dem Gelände alte Kästen mit Rechnungen auf Transparentpapier, jede mit einem dazugehörenden schwarzen Kopierpapier. Die Rechnungen für das Kohlewerk und die Kopierblätter dienten ihm als formaler Ausgangspunkt für eine Serie von Clownsköpfen (schwarz auf Schwarz) und weißen Pferdeköpfen auf Transparentpapier, die sich in der schachbrettartigen Hängung kontrastreich gegenüberstehen - manche der Clownsge-
sichter sind je nach Lichteinfall nicht auf dem schwarzen Kohlepapier zu erkennen und verschwinden in der Dunkelheit der rechteckigen Flächen.
Viele assoziative Linien treffen sich in diesem großformatigen Werk: die Wiederholung der beiden einfachen Bildmotive zwingt den Betrachter zum genaueren Hinsehen und zur Entdeckung der Individualität hinter der Maske, während die weißen Pferde der Circusmanege die akribischen Schreibmaschinenzeilen der peniblen Rechnungsführung überlagern, die schon lange niemandem mehr interessiert. Daneben steht immer wieder die Dunkelheit in der Seele des weißen Clowns.