Gabriele Undine Meyer | Lost + Found

Einführungsrede zur Preview für die Beteiligten an dem Projekt
von Prof. Dr. Hiltrud von Spiegel, Preußisch-Oldendorf

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste,

mein Name ist Hiltrud v. Spiegel, und ich freue mich, dass ich eingeladen wurde, bei der Premiere dieser Installation einige begleitende Worte an Sie zu richten.
Der heutige Abend ist nur Ihnen gewidmet, also denjenigen, die an dem Projekt mitgewirkt haben und natürlich Ihren Freundinnen und Freunden. Sie alle blicken auf ein ereignisreiches Leben mit Höhen und Tiefen zurück. Und oft sind es einzelne Wörter, Gerüche, Lieder, die einen ganzen Erlebnishorizont wieder auferstehen lassen. Schmerzhafte Verlusterfahrungen, romantische Ereignisse und Glückserlebnisse. Vieles kam Ihnen während Ihrer Gespräche mit Gabriele Undine Meyer wieder neu ins Gedächtnis; anderes haben Sie zum ersten Mal gedacht und gesagt, weil Sie ja auch gebeten wurden, ein Resümee zu ziehen und somit das Wichtigste zu benennen, das Sie verloren und gefunden haben. Das setzt voraus, dass die Lebensereignisse einordnen und bewerten muss.

Gabriele Undine Meyer hat sich auf künstlerische Art mit dem Thema Lebenserinnerungen auseinander gesetzt. Sie hat mit Ihnen gesprochen und Sie zum Erzählen angeregt. Wir finden aber nun im Ergebnis keine kompletten Lebensläufe, sondern genau zwei bilanzierende Wörter. Sie stehen für: "verloren" und "gefunden". Das war für Sie sicher eine große Herausforderung. Selbst wenn Sie schon vorher darüber nachdenken konnten, was sie verloren und gefunden haben, mussten Sie sich im Gespräch entscheiden - nicht für einen erklärenden Satz mit drei Nebensätzen, sondern jeweils für ein Wort.
Eine Teilnehmerin sagte mir, sie hätte gerne genauer erklärt, wie sie dieses eine Wort verstanden wissen wollte, aber das war ja nicht erlaubt. Manche von Ihnen würden heute ein anderes Wort wählen und ärgern sich vielleicht, weil sie das neu gefundene Wort für wichtiger halten als das, was Sie hier aufgeschrieben haben. Aber das ist normal: Selbst ein Resümee ist nicht endgültig, sondern wird ständig neu betrachtet.
Das Ergebnis der künstlerischen Auseinandersetzung mit diesem Thema ist sehr spannend. Die Besucher schauen zu, wie Sie das Wichtigste, was Sie verloren haben, zu Papier bringen, und sie sehen den Ausdruck Ihrer Gesichter, wenn Sie das Gefundene mit einem gesprochenen Wort hinzufügen. Dazu bilden sich ganz schnell eigene Gedanken. Meine persönliche erste Assoziation bezog sich komischerweise gar nicht auf das Thema (also verloren und gefunden), sondern blieb bei den umhäkelten Taschentüchern hängen. Es gibt wohl kaum eine unter uns Frauen, die nicht intensive Erinnerungen mit diesen Tüchern verbindet. Bei mir tauchten sofort bestimmte Bilder aus der Strickschule auf, in der wir das Häkeln von Luftmaschen und Stäbchen gelernt haben. Zuerst entstanden Topflappen aus dicker Baumwolle, später kunstvolle zarte Gebilde als Umrahmung für die Stofftaschentücher. Ich habe das sehr gerne gemacht und so einen Grundstein für meine spätere Aussteuer gelegt. Leider wurde sie nie komplett, denn in meiner Jugend war Aussteuer kein Thema mehr. Die Topflappen benutze ich aber immer noch.
Ich habe noch eine spezielle Mitschülerin vor Augen, die sich so schwer mit dem Häkeln tat, dass sie verkrampfte und schwitzige Hände bekam; später war das ehemals weiße Taschentuch grauschwarz und verknittert.

Ich hatte schon Gelegenheit, mir Gabrieles Videoinstallation anzuschauen. Ich war zunächst etwas überfordert, weil es mir nicht gelungen ist, alles gleichzeitig wahrzunehmen: Ich war fasziniert von Ihrer aller Hände, die auf so individuelle Weisen ihre Wörter aufgeschrieben haben, so dass ich - fast mit buchstabierend - dem Stift gefolgt bin. Einige von Ihnen schreiben schnell und flüssig, andere langsam und sorgfältig, manche aus einer Mischung von lateinischer Schrift und Sütterlin, andere in Druckschrift. Dazu der Ausdruck in Ihren Gesichtern: einige fast feierlich, andere ihr Wort deutlich betonend. Manche scheinen zufrieden mit ihrer Bilanz, andere stecken noch in schmerzhafter Erinnerung. Es teilt sich mit: Hier geschieht etwas Wichtiges. Ich bin zwischen Hand, Gesicht und den Wörtern hin und her gewandert und merkte, dass ich von diesen sinnlichen Eindrücken "voll" war. Ich habe es nicht geschafft mich gleichzeitig mit dem Inhalt der beiden Wörter befassen. Dazu brauche ich mehr Zeit, und ich werde mir das Video mehrfach anschauen.
Gerade weil es nur jeweils ein Wort ist, ohne Adjektiv, das etwas darüber ausdrücken könnte, wie es gemeint ist, spaziert meine Phantasie in alle Richtungen. Was wollen Sie damit sagen? Vor welchem Erlebnishintergrund kommen Sie zu gerade diesem Wort? Was bedeuten für mich diese Wörter?
Mir ist aufgefallen, dass es hauptsächlich drei Dinge sind, die verloren gegangen sind: die materiellen Grundlagen der in der Kindheit als sicher empfundenen Existenz: das Zuhause, Hab und Gut. Dabei fallen mir sofort die Vertreibungsschicksale ein, aber ähnliches geschah ja auch in den bombardierten Städten des Ruhrgebiets. Darüberhinaus haben mehrere von Ihnen geliebte Menschen verloren, was eine überaus schmerzhafte Erfahrung ist. Beides ist verbunden mit dem Verlust von Vertrauen, Sicherheit und Geborgenheit und auch damit, dass man seinen eigenen Weg finden musste. Andere formulieren ein bisschen abstrakter, nämlich da, wo es sich um Lebenserfahrungen handelt, die Menschen erwachsen werden lassen: man verliert z.B. Ideale, gewinnt aber Zufriedenheit, verliert Vertrauen und gewinnt Stärke, verliert Geborgenheit, findet aber Ausgleich. Schön finde ich, dass Ihr Gefundenes überwiegend positiv ist - bei all dem was dazwischen liegen mag.

Ich hab' noch nichts zur Installation der Taschentücher gesagt. Es ist eine schöne Idee. Umhäkelte Taschentücher symbolisieren für mich etwas Bleibendes in der Zeit der Wegwerftaschentücher. Es gibt die großen, gestreiften oder karierten für die Männer, und die kleineren, liebevoll umhäkelten für die Frauen. Sieht man alle Taschentücher nebeneinander, fallen wieder die Unterschiede auf: Jedes ist anders, steht für ein einzigartiges Leben. Und gleichzeitig hängen die Tücher in einem Rahmen. Er ist fast unsichtbar, aber doch ein Rahmen. Ich denke daran, dass Sie alle in der gleichen Zeit und unter ähnlichen historischen Bedingungen gelebt haben: Kindheit im Nationalsozialismus bis in die Nachkriegszeit, Wiederaufbau, Wirtschaftswunder, Umbruch in den 1960er und 1970er Jahren, neue wirtschaftliche Einbrüche, Zeitalter der neuen Medien, vielleicht bis hin zum persönlichen Eindruck, langsam von der technischen Entwicklung abgehängt zu werden. Es gibt täglich neue Herausforderungen und keiner von uns weiß, was uns noch erwartet.

Ich wünsche uns allen viel Freude beim Anschauen - danke fürs Zuhören.