Gabriele Undine Meyer | Me, Myself, Poosie and I

Eröffnungsrede von Prof. Dr. Fabian Kessl, Universität Duisburg-Essen

Die in den karibischen West Indies geborene Blues- und Rocksängerin Joan Armatrading veröffentliche 1980 ein Album mit dem Titel „Me - Myself - I“. Einer der auf dieser Platte veröffentlichten Titel heißt: „All the way from America” – ein Lied über eine verzweifelte Liebe, die anruft aus Amerika, um zu vertrösten, die dann aber doch den Weg nicht geht und an ihrer Tür klingelt, aus Amerika, die schließlich überhaupt nicht mehr zu kommen braucht, wenn sie nicht noch ein deutliches Pfund Zuwendung drauf packt, aus Amerika. Es ist nicht nur die unglückliche Liebe, die Joan Armatrading hier besingt, sondern eben auch die Liebe aus der neuen Welt – aus dem „Promised Land“. Armatrading und Gabriele Undine Meyer sind fast derselbe Jahrgang, vor allem aber klingt auch durch „Me, Myself, Poosie and I“, wie Gabriele Undine Meyer ihre Multimedia-Installation nennt, die ich Ihnen und Euch heute Abend präsentieren darf, die Sehnsucht aus und nach der neuen Welt.
Nicht ein Geliebter oder eine Geliebte – real oder nur eingebildet, wie bei Armatrading – ein Geliebter oder eine Geliebte, die nie erscheint, ist Thema in „Me, Myself, Poosie and I“, sondern ein wirklicher Besuch, ein realer Gast aus den USA: (die Puppe) Poosie. Poosie, die im Dialog GUM befragt nach ihrer Sehnsucht nach der neuen Welt – ihrer Faszination für die USA. Auf den ersten Blick ein eigenartiger Titel, den Gabriele Undine Meyer ihrem Videoloop gegeben hat, in dem Poosie GUM befragt: „Der Dialog“. Denn beim Zuhören ist nur eine Sprechende zu hören – Poosie. Von GUM dagegen vernimmt man nur Laute – zustimmende, zögernde, zweifelnde und manches Mal scheinbar undefinierbar zischende Laute. Doch spätestens beim zweiten Zuhören wendet man sich bemerkenswerter Weise fast unweigerlich eher diesen Lauten zu – beginnt zu dechiffrieren, wie GUM reagiert. Denn Poosie erzeugt mit ihren immer deutlicheren Fragen fast einen „Bekenntniszwang“ (Meyer-Drawe 1990), dem man sich auch als Zuhörer_in nurmehr schwer emotional entziehen kann. GUM wird von Poosie gedrängt, ihre Sehnsucht nach der neuen Welt offen zu legen – eine neue Welt, die immer wieder die konkrete Welt der Vereinigten Staaten meint. Aber eben nicht nur. Das wird immer deutlicher. Denn sie meint auch die Welt der Kunst, des Künstlerinnen-Daseins. „America as the land of my desire“ meint beides: die USA und vor allem New York, die Stadt, die die Künstlerin dann fast 40 Jahre nach Poosies Ankunft im niederrheinischen Rheydt mit ihr zusammen wieder bereist – wovon „Poosie at Mottstreet“ erzählt – und die Welt der Kreativen, von der schon die 13-jährige Gabriele nicht nur träumt, sondern in die sie schon einige Jahre nach Poosies Ankunft einzutreten versucht. Sie reagiert im April 1968 auf eine Anzeige in einer Fernsehzeitschrift und verfertigt eine Bewerbung für die niederländische Dependance der US-amerikanischen Famous Artists School. Davon berichtet uns der Einladungsbrief der School und das Heldenquartett der vier US-amerikanischen Lehrer – alle übrigens Maler und Illustratoren: „The Famous Artist Teachers“. Kein Zufall auch diese Auswahl: Zum einen sind die vier abgebildeten US-Amerikaner und zum anderen tun sie das, was Gabriele Undine Meyer in „Me, Myself, Poosie and I“ auch tut – und was wir von ihr bisher eigentlich nicht kennen: sie zeichnet und illustriert, im Mottstreet-Video, im Kinderzimmer und dem Graphit-Reprint des Osnabrücker Tageblatt – das hier stellvertretend für die Herkunftsregion ihrer Eltern steht. Und es ist nicht nur so, dass wir die Zeichnerin Meyer bisher nicht kannten – auf die Frage von Poosie im „Dialog“, wie es denn um ihre Ausbildung in Malen und Zeichnen sei, stöhnt GUM deutlich vernehmbar. Doch wer stöhnt hier. Vielleicht das Mädchen, das den Einladungsbrief der Famous Artists School erhalten hat, aus dem Gabriele Undine Meyer nun seziert: „Lieb jung. (…) Ich bete Talent“?
Entscheidender als diese Frage scheint mir, dass das Zeichnen und Illustrieren hier ein Schritt auf dem Weg zur Gesamtinstallation, zur Skulptur „Me, Myself, Poosie and I“ ist – ganz im Sinne von Louise Bourgeois:
„Zeichnungen sind unersetzlich, weil man alle auftauchenden Ideen einfangen muss wie Fliegen (...) und was macht man mit Fliegen oder Schmetterlingen? Man konserviert sie und bedient sich ihrer (...) dann entsteht aus einer Zeichnung ein Gemälde und aus dem Gemälde eine Skulptur, denn Skulpturen sind das einzige, was mich befreit. Sie sind greifbare Realität. Vielleicht sind wirkliche Personen das einzige, was noch besser ist als Skulpturen". (Louise Bourgeois)
Poosie, die Puppe wird in „Me, Myself, Poosie and I“ zur „wirklichen Person“. Poosie und GUM begegnen sich zum ersten Mal am 23. November 1963 – von diesem Tag ist daher auch der Zeitungs-Reprint: Einen Tag nach Kennedys Ermordung treffen sie im niederrheinischen Rheydt aufeinander, wo Gabriele Undine Meyer mit ihren Eltern lebt. Poosie kommt nach Deutschland, wie in Ruth Hofmanns dreibändigen Kinderbüchern, die in den 1950er Jahren im Nachkriegsdeutschland entstanden sind, also den Geburtsjahren von Armatrading wie Meyer: Auch in Hofmanns Geschichten ist Poosie ein US-amerikanisches Mädchen („Poosie aus Washington“), das im zweiten Band („Poosie in Europa“) mit ihren Eltern zwar nicht nach Rheydt, aber nach Frankfurt in eine US-amerikanische Siedlung zieht. Von dort aus erschließt sich die neunjährige Poosie nach ihrer anfänglichen Angst vor der Fremde nach und nach das Nachkriegseuropa: Sie sieht Kriegsruinen beim Besuch ihrer Berliner Tante oder die Entschärfung einer Bombe in Österreich. Nach zwei Jahren lässt Hofmann die literarische Poosie im dritten Band wieder in die USA zurückkehren („Poosie entdeckt Amerika“), wo Poosie zum Teenager wird.
Wie die literarische Poosie ist auch die Protagonistin der heute zu eröffnenden Installation von Gabriele Undine Meyer 1963 nach Deutschland gereist und knapp 40 Jahre später zusammen mit GUM wieder zurück nach New York. Im Unterschied zur literarischen Poosie erzählt uns Gabriele Undine Meyer in „Me, Myself, Poosie and I“ eine Geschichte, in der Poosie zu ihrer Türöffnerin in die neue Welt wurde. Mit ihrem Erscheinen in einer wahrlich welthistorischen Phase, die von Gabriele Undine Meyer vor allem in der Figur der Ermordung des US-amerikanischen Präsidenten symbolisiert wird, scheint sich die Welt der Kinderzimmerbewohnerin mit einem Schlag geöffnet zu haben. Davon erzählt uns die zentrale Arbeit dieser Ausstellung: „Das Kinderzimmer“. Eine ganze Wand füllt das Konterfei des ermordeten John F. Kennedy. Aber auch alle anderen Wände sind bemalt mit skizzenhaften Eindrücken US-amerikanischen Alltags – fotografischen Eindrücken, die der aus den USA zurückgekehrte Vater zusammen mit Poosie in dieses Kinderzimmer gebracht hatte. Die Wände werden der Zimmerbewohnerin so zur Perspektive in die neue Welt. In die Bilder des Vaters, denkt sich die Mansardenbewohnerin hinein – und weit über diese hinaus: Sie benötigt nicht mal mehr das Fenster zum Hof, so erzählt uns diese Arbeit weiter. Das Hoffenster, das so oft zu filmischen und literarischen Ehren gekommen ist, ist hier verhangen, ein Durchblick unmöglich. Kennedys Portrait und die Bildfantasien aus den Fotografien des Vaters scheinen einen viel weiteren Horizont zu eröffnen als es der Rheydter Hinterhof jemals hätten tun können. Daher braucht es kein Fenster mehr. Die Perspektive in die neue Welt – die niemals abgeschickte Bewerbung zur Famous Artists School – sind vermutlich in dem hier stilisierten Kinderzimmer entstanden.
Mit dem “Kinderzimmer“ verdoppelt Gabriele Undine Meyer zudem „Me, Myself, Poosie and I“. Denn auch mit dieser Gesamtinstallation hat sie sich ein Zimmer eingerichtet, ein „Selbstportrait als Installation“ erstellt, wie sie mir im Vorgespräch mit Bezug auf einen zentralen Deutungshorizont berichtet hat, den Louise Bourgeois für ihre autobiografisch geprägten Arbeiten markiert. Das Selbstportrait „Me, Myself, Poosie and I“ ist hier entstanden in ihrer Galerie GUM, in dem Zimmer also, das ja in Zeiten, in denen hier keine Ausstellungen stattfinden, als Esszimmer ihrer Wohnung genutzt wird, als Wohnraum. In diesem Raum, in diesem Zimmer umkreist sie die prägenden Jahre von Kindheit und Jugend, wie sie in der Einladung zur heutigen Vernissage formuliert. Und in diesem neu geformten Zimmer können wir als Galeriebesucher_innen nun einen fast voyeuristischen Blick in das stilisierte hängende „Kinderzimmer“ werfen, in diese kleine niederrheinische Mansardenwelt, die GUM doch die große Perspektive in die neue Welt eröffnet hat.
Auch an dieser Stelle scheint uns der sezierte Einladungsbrief der Famous Artists School genau das zu dokumentieren: „Du brauchst all die Bilder, die Dich umgeben“, so heißt es da. Von „(…)herrlich aufregend Abenteuer“ ist weiter die Rede – fast wie eine Bildunterschrift der Wandskizzen im „Kinderzimmer“.
Während das Kinderzimmer ein ganz eigenständiges Universum repräsentiert – eine im Vergleich zu Gabriele Undine Meyers bisherigem Schaffen eher verspielte Arbeit, zeigt die Künstlerin uns noch einen ganz anderen Blick auf ihre Kindheit und Jugend - die ganz formal-strenge Arbeit „Familienpfiff“. Der gezeigte Balkon erinnert architektonisch an einen „Erscheinungsbalkon“ – eine Austrittsplattform zur Repräsentation und Verkündigung, wie wir ihn historisch als „Revolutionserklärungsbalkon“ 1918 in Berlin, als „Urbi et Orbi-Balkon“ am Römer Petersplatz oder als „Fußballmeisterpräsentationsbalkon“ in bundesdeutschen Großstädten kennen. Doch hier, auf diesem Balkon erscheint keine Person, nur ein Pfiff – eben der „Familienpfiff“. Ein Pfiff, ein Signal, das Zuwendung bedeuten kann, wie der Ruf zum gemeinsamen Essen im Familienkreis, aber auch Disziplinierung und Aufforderung meinen könnte an die Gedanken verlorenen Jugendlichen.
Die Jugendliche, nach der Poosie fragt im „Dialog“: „Do you remember first time we met“; oder die junge Frau, die unweigerlich die Schlussakkorde aus Gershwins in Manhattan uraufgeführten Rhapsody in Blues hört, wenn sie diese Filmaufnahme von Kennedys Tod sieht – unweigerlich, weil Poosies Ankunft einen Tag nach Kennedys Tod 1963 von einer Schallplattenaufnahme der Gershwin-Komposition begleitet wurde?
Auch diese Frage möchte ich Ihrer und Eurer Beantwortung überlassen. Nur soviel: Die Sezierung des Einladungsbrief der Famous Artist School bringt eine programmatische Formel zu Tage, die 32 Jahre später in ihrer offensiven Perspektivität wie die Motivationsbeschreibung der Künstlerin hinter dieser Multimedia-Installation gelesen werden kann: „Kunst wird Freude sein“.