theYOUNG | Oh Happy Grey

Eröffnungsrede von Prof. Dr. Melanie Plößer, Fachhochschule Kiel

Let there be text

„Das Grau in den Arbeiten von Tim Young ist eine Erinnerung an das Licht und den Schatten in uns allen. Es ist die Farbe des Dazwischen, das Dämmern zwischen dem Bekanntem und Unbekannten. „Oh happy Grey“ mahnt uns, den traurigen Schleier wahrzunehmen, der doch allem anhaftet, das uns umgibt und der für Übergänge und Neuanfänge steht. Schon die Idee des Grey in den Arbeiten des großen amerikanischen Künstlers Jasper Johns…“

Let there be ... ein anderer Text....

Die Vorstellung, wie die Objekte um uns herum eine Bedeutung, aber auch wie wir Menschen eine Identität erhalten, diese Vorstellung hat im letzten Jahrhundert eine radikale Wandlung erfahren. Die Bedeutungen würde den Dinge nicht inne wohnen - so Vertreter und Vertreterinnen dieser neuen postmodernen Sichtweise - vielmehr seien diese Bedeutungen allein ein Produkt der Sprache. Anders gesagt: Die Subjekte werden nicht mit der Identität „Frau“, „Mann“, „Spanier“ oder „Migrantin“ geboren. Diese Identitäten sind keine Wesensmerkmale, sondern allein Effekte sprachlicher Prozesse. Performativität (1) wird dieses Prinzip genannt, in dem durch Sprechen immer auch soziale Effekte und Tatsachen erzeugt werden – wie z.B. mit dem Satz „ich eröffne diese Ausstellung“ immer auch etwas getan wird, nämlich die soziale Praxis der Ausstellungseröffnung.
Aber wie kann das gehen? Wieso kann Sprache soziale Bedeutung und Identitäten produzieren? Für die postmoderne Philosophin Judith Butler sind es zwei zentralen Bedingungen, die dazu führen, dass Sprache Identitäten und Bedeutungen hervorbringt: Die Bedingung der Wiederholung und die Bedingung der Unterscheidung und des Ausschlusses (2) .
Das heißt, Sprache ist zum einen deshalb produktiv, weil diese auf Wiederholungen aufgebaut ist, die ganz unabhängig von der Sprecherin, die bezeichnet oder dem Objekt, das bezeichnet wird, funktionieren. Butler gibt dafür ein Beispiel (3) : Mit dem Ausruf „Es ist ein Mädchen“ bei der Geburt eines Kindes wird auf eine Norm Bezug genommen, die ihre Gültigkeit durch eine lange Kette vorausgegangener Wiederholungen erhalten hat. Durch den Bezug auf diese Wiederholungen wirkt Sprache produktiv und erzeugt die soziale Identität „Mädchen“ (Der Ausruf „Es ist ein urps!“ würde in diesem Fall nicht funktionieren, weil „urps“ noch nicht lange genug, bzw. noch gar nicht wiederholt wurde und deshalb keine Autorität besitzt). Die sprachliche Produktion von Identitäten wird hier als Produkt von unablässigen Wiederholungen gedacht. Für postmoderne Identitätskonzepte ist damit alles Wiederholung, ist alles ein Rückbezug auf vorherige Bedeutungen, ist ein Zitat eines vorherigen Zitats.

Zum anderen sind sprachliche Äußerungen über Unterscheidungen und Ausschlüsse organisiert. Sprache ist also auch deshalb produktiv, weil diese in einem strengen Schema stattfindet. Innerhalb dieses Schemas, bzw. dieser Schablone gibt es sehr klare Konturen und Grenzen, die zwischen ich und nicht ich, zwischen Mädchen und Jungen unterscheiden. Durch diese Unterscheidungen werden den Bezeichneten und Angerufenen klare soziale Orte und Platzierungen zugewiesen.
Der Philosoph Frantz Fanon gibt für diese sprachliche Produktion von Identität durch Wiederholung und Ausgrenzung in seinem Buch „Schwarze Haut- Weiße Masken“ ein eindrucksvolles Beispiel (4) . So erinnert sich Fanon, wie er als Jugendlicher eine Straße entlang geht und ein Kind auf ihn zeigt und zu seiner Mutter sagt: „Mama schau doch, der Neger da“. Fanon schreibt, wie er durch diese Anrufung fixiert wurde. Er zeigt wie er seine Identität durch eine sprachliche Äußerung erhält, wie er als anders, als schwarz produziert wird, indem die streng binäre sprachliche Schablone „schwarz-weiß“ auf ihn angelegt wird. Innerhalb dieser Schablone gibt es allein ein entweder-oder, ein schwarz oder weiß. Grau als Ausdruck von Vermischung und Unbestimmbarkeit, als Symbol für ein „weder schwarz noch weiß“ hat hier keinen Platz.

Postmoderne Philosophen und Philosophinnen wie Judith Butler heben die Erzeugung von Identitäten durch sprachliche Raster hervor, sie kritisieren aber auch, dass die Schablonen in unserem abendländischen Denken sehr eng gefasst sind, dass sie den zahlreichen Verschiebungen und Veränderungen, die durch Wiederholungen eben auch stattfinden, nicht gerecht werden, dass sie – wie in dem Fall von Fanon - starr, gewaltvoll und normierend sind, da sie Uneindeutigkeiten und Unbestimmbarkeiten in den Identitäten ausblenden (5). Durch die sprachliche Wiederholung, durch das Prinzip der Performativität wird Identität produziert – gleichzeitig produziert dieses Prinzip aber immer auch Ausgrenzungen und Stigmatisierungen, legt immer auch fest was wie sein sollte und was anders ist.

Ich erinnere mich, als Kind einmal eine solche starre Schablone mit ausgestanzten Tieren geschenkt bekommen zu haben. Die Schablone hatte den Namen „Afrika“ und war so konzipiert, dass man – wenn mit dem Stift die exakten Plastikaustanzungen entlangfuhr - ein genaues Abbild einer Giraffe, eines Elefanten, eines Nashorns, eines Affenbrotbaums produzieren konnte. Mit dieser Technik - so die Verheißung der Schablone - könne man Afrika zeichnen. Nun, technisch hat die Schablone funktioniert. Den individuellen und vielfältigen Bedeutungen eines Nashorns oder eines Elefanten wurde sie allerdings nicht gerecht. Ganz im Gegenteil erzeugte ihre eindeutige Linienführung, ihre Strenge und Genauigkeit eher den Eindruck, dass gerade so kein Nashorn sei, dass gerade das nicht Afrika sein könne.
Die Arbeiten von Tim Young – und das ist mein Grund warum ich sie so toll finde – die Arbeiten von Tim Young bedienen sich der Wiederholung: Sie zeigen, wie Identitäten und Bedeutungen immer auch durch bestehende Raster und Ordnungen produziert werden aber sie verdecken weder das Produktions-Prinzip der Wiederholung noch blenden sie die Unklarheiten und Uneindeutigkeiten, die dabei produziert werden aus – im Gegenteil: sie machen sie zum Programm.
Die gesprühten Schablonen von Tim Young haben keine scharfen Ränder, die Schablonengrenzen changieren zwischen mehreren Farben und öffnen sich. Ja, selbst die vermeintlich klare Grenze zwischen Bild und Untergrund wird in Frage gestellt. Vor allem aber zeigen die Arbeiten von Tim Young Brüche und Widersprüche auf und wenden sich dabei genau gegen die Vorstellung von einer Eindeutigkeit und Reinheit von Aussagen und Bedeutungen.
„Es gibt keine Möglichkeit, nicht zu wiederholen“ hat Butler (6) einmal geschrieben – aber es liegt in unserer Verantwortung, wie wir wiederholen, das heißt – übersetzt für die Arbeiten von Tim Young - wie wir unsere Schablonen anfertigen und füllen. Butler nennt dabei drei Strategien der subversiven Wiederholung, das heißt einer Wiederholung, die sich gegen Reinheiten, Vereinheitlichungen und gegen Ausgrenzungen wendet, einer Wiederholung, die das Graue, Unbestimmbare bejaht und darin die Zukunft sieht (7).

Zum einen ist das die Übertreibung und Parodie (8), zum zweiten die Veränderung des Kontextes (9) und drittens geht es um das Aufzeigen von Brüchen und Uneindeutigkeiten (10). Die Arbeiten von Tim Young bedienen sich kunstvoll aller drei Strategien: Tim Young übertreibt. (wie eben auch ich zu Anfang meines Vortrags.. Sie erinnern sich: „Das Grau in den Arbeiten von Tim Young ist eine Erinnerung an das Licht und den Schatten in uns allen…“. In der Übertreibung - wie z.B. dem plakativen Spielzeugtelefon von Tim Young – wird das Schablonenhafte, das Zitathafte der Objekte deutlich gemacht. Youngs Übertreibungen zeigen, dass es keine Objekte an sich, mit einer ihnen eigenen Wesenhaftigkeit gibt, sondern deren Bedeutungen allein aus sozialen Regeln erwachsen (wie eben auch die Einführung in eine Ausstellung aus sozialen Regeln besteht, die durch die Übertreibung hervorgehoben werden können). Das heißt: Mit der Übertreibung, der ironischen Wiederholung wird das Zitathafte und Konstruierte jeder Bedeutung hervorgehoben werde.
Zweitens zeichnet sich die Stencil Art, die Schablonen Kunst von Tim Young durch das Spiel mit Brüchen und Widersprüchen aus: das „fröhliche, glückliche Grau“, die „Seife, die Vertrauen“ verspricht, die „Zigarette“, die mit der Bedeutung „Liebe“ aufgeladen ist. Tim Young zeigt, dass die Dinge eine Bedeutung haben, aber er zeigt auch, dass die Bedeutung den Dingen nicht innerlich ist, sondern ihnen diese – aus unterschiedlichen Gründen und mit unterschiedlichen Funktionen – von außen zugesprochen wird. Und er zeigt, dass diese mit den Objekten selbst in einem willkürlichen und brüchigen Verhältnis stehen. Tim Youngs Bilder verweigern sich Eindeutigkeiten, stattdessen feiern sie das Mehrdeutige, Ungenaue, Unbestimmbare, Graue … Oh happy Grey!
Und dann ist da noch die Veränderung des Kontextes: Dadurch, dass die Schablone in immer anderen Umgebungen angelegt werden kann, können die Bedeutungen erweitert werden. Bei der Wiederholung in anderen Kontexten werden neue und bisher unerkannte Bedeutungen ermöglicht und starre Grenzen aufgelöst. Die Möglichkeit der ständigen Veränderung des Kontextes ist in der Stencil Art Programm – in den Arbeiten von Tim Young wird diese Möglichkeit zum eigenen Thema. Die Pappe, auf die Tim Young, seine Schablonen angelegt hat, ist dafür ein wundervolles Beispiel: Zum einen stellt die Pappe einen Bruch mit den üblichen Kontexten der Kunst – so z.B. der klassischen Leinwand dar – zum anderen wird hier die Grenze zwischen Bilduntergrund und Bild, zwischen eigenem und anderem verwischt, wird das Bild des Engel durch den Strahlenkranz, der in die Pappe gekratzt wurde, weitergeführt.
Tim Youngs Arbeiten schaffen es, die Afrika-Schablonen der Kindertage zu dekonstruieren. Die Bilder von Tim Young sind Schablonen, die übertreiben, die Brüche aufzeigen und Grenzen auflösen, es sind Bilder, die der Mehrdeutigkeit und Vielfältigkeit ihrer Inhalte Rechnung tragen, es sind Bilder, die solche Verschiebungen aufzeigen, die notwendig passieren, wenn Bedeutungen durch Wiederholungen produziert werden und es sind Arbeiten, die die durch Übertreibungen das Graue, Mehrdeutige, Brüchige zeigen und bejahen - in diesem Sinne: Let there be more Grey!

(1) Austin, John Langshaw (1972): Zur Theorie der Sprechakte (How to do things with words). Stuttgart
(2) Butler, Judith (1997): Körper von Gewicht. Frankfurt am Main
(3) ebenda
(4) Fanon, Frantz (1980): Schwarze Haut, weiße Masken. Frankfurt am Main. Vgl. dazu auch Hall, Stuart (1999): Ethnizität: Identität und Differenz. In: Engelmann, Jan (Hrsg.): Die kleinen Unterschiede. Der Cultural Studies Reader. Frankfurt am Main/New York
(5) Butler, Judith (1997): Körper von Gewicht. Frankfurt am Main
(6) Butler 1998 Butler, Judith: (1998a): Haß spricht. Zur Politik des Performativen. Berlin
(7) ebenda
(8) Butler, Judith (1991): Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt am Main
(9) Butler 1998 Butler, Judith: (1998a): Haß spricht. Zur Politik des Performativen. Berlin
(10) Butler, Judith (1997): Körper von Gewicht. Frankfurt am Main