Angelika Höger | Snellius-Gewirke

Resonanzen auf die Ausstellung gaben diesmal drei Expertinnen aus ihren jeweiligen Blickwinkeln.

Auszüge daraus als Transkription:

Die Schmuckgestalterin Ricarda Enderweit stellte sich und den Zuhörenden Fragen zu der Installation Snellius-Gewirke.
„ Ich frage mich, ob sie alles hier vorher schon genau durchdacht hat, oder ob alles, während sie aufgebaut hat, entstanden ist. Hat sie das alles spielerisch hergestellt, oder hat sie es konstruiert oder sowohl als auch? Ist es durch Zufall entstanden?
...
Wenn man Angelika bei der Arbeit zusieht, dann ist es so, dass ihre Augen total aufleuchten und sie richtig begeisterungsfähig ist und alles untersucht wie ein Kind. Wenn man mit ihr redet, ist es wie mit einer Wissenschaftlerin, alles ist total durchdacht. Sie hat eine analytische Seite. Ich frage mich jetzt – ich weiß gar nicht, ob das nicht zu frech ist, das zu fragen – Ist sie Spielkind? Ist sie Wissenschaftlerin? - oder sowohl als auch?“

Die Konditormeisterin Dorothea Gutzeit beschäftigte sich mit den Quirlzeichnungen von Angelika Höger.
„Quirlbilder - da ist auf jeden Fall extrem viel Bewegung drin! Schneebesen, Rührbesen, es gibt ja ganz unterschiedliche Geräte. Es gibt welche, die ihren Schwerpunkt im Stiel haben, die bewegen sich etwas starrer. Dann gibt es welche, die sind sehr leicht, damit man Sahne und so etwas mit der Hand aufschlagen kann. Es gibt Schlagmaschinen, die schlagen, und es gibt Rührmaschinen mit einem Planetengetriebe, bei denen sich um die Welle herum der rotierende Knethaken bewegt. Bei diesen Bildern entdeckt man sehr viel davon wieder. Das Lustige ist, dass die (gezeichneten) Knethaken wesentlich häufiger gewellt sind als in der Realität. Ich hab’ einfach mal das Experiment gemacht: ich hab einen von meinen Knethaken genommen, hab den blind abgetastet und man gerät einfach in diese Bewegung mit rein. Man sieht vor allem bei den Knethakenbildern das Blind-Abgetastete darin. Das ist sehr spannend, das so zu sehen, und ich mag sie auf jeden Fall.

Die Biologin Dr. Wiebke Homann wandte sich dann wieder der Installation Snellius-Gewirke zu und gab ihre Resonanz.
„Biologie und Kunst haben gemeinsame Ausgangspunkte, nämlich das Interesse an der Natur, die Freude an der Beobachtung und die Bewunderung von Schönheit und Eleganz. Das Werk von Angelika Höger lässt uns eintauchen in eine Art filigrane Ornamentik aus gewächsartigen Strukturen, die durch den Raum wuchern. Interessant finde ich vor allem das dynamische Zusammenspiel von Gegenständlichkeit und Abstraktion, die mich an pflanzliche Zellen, an Waben oder an Nervengewebe erinnern. Diese filigranen dreidimensionalen Strukturen entfalten sich scheinbar wie von selbst und könnten auch Nano-Strukturen sein, wie sie in der Natur häufig vorkommen. Wenn man sich das so anschaut, stellt sich für mich auch die grundsätzliche Frage nach der Architektur des Lebens als solches. Der menschliche Körper besteht aus zehntausendmilliarden Zellen. Diese Zellen lagern sich aneinander, bilden Gewebe, die Gewebe vereinen sich zu Organen, und aus den Organen können letzten Endes ganze Organismen entstehen. Dem liegen eigentlich sehr einfach mechanische Grundprinzipien zugrunde, die sich in Werken von Kunst und Architektur widerspiegeln. Ich möchte drei Beispiele nennen, die ich mit diesem Werk assoziiere: als erstes fällt mir das Stichwort Zell-Skelett ein. So ein Zytoskelett hat Stützfunktionen von Organismen und besteht aus mikroskopisch kleinen Eiweiß-Strukturen, die teilweise die Zellwand stabilisieren. Das Zytoskelett besteht auch aus sogenannten Mikrotubuli. Und Mikrotubuli sind innen hohle Eiweißröhren. Hohl sind auch diese Trinkhalme hier, und deshalb finde ich das auch so passend. Diese hohlen Eiweiß-Stützstrukturen in den Zellen geben den Zellen Halt, stabilisieren sie in alle Richtungen. Sie dienen aber nicht nur der Abstützung und Formgebung der Zellen, sondern gleichzeitig laufen in den hohlen Röhren und an ihnen entlang Transportmechanismen der Zellen.
In der Biologie – und das ist mein zweites Beispiel – gibt es die sogenannten Grundbausteine des Lebens, Adenin, Cytosin, Guanin und Uracil. Das sind die vier Bestandteile, aus denen DNA, die Gene und die Chromosomen bestehen, also die Grundstrukturen des Lebens und die Weiterentwicklung.
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Als drittes Beispiel möchte ich noch Kieselalgen hervorheben. Sie produzieren ganz komplexe dreidimensionale Strukturen in großer Geschwindigkeit und Vielfältigkeit. Wenn man Kieselalgen auf der Hand hat, sehen sie aus wie Sandkörner, aber unter dem Mikroskop erkennt man ihre wahnsinnig komplexen Strukturen. Sie sind aus Siliciumdioxid, also aus Glas. Diese Uralgen spinnen Paläste aus Glas um sich herum aus filigransten gläsernen Strukturen. Natürlich als Schutz, um nicht gefressen zu werden. Aber es ist auch ein unfassbares Kunstwerk, wenn man es unter dem Mikroskop betrachten kann. Die Natur benutzt also verschiedenste Mechanismen, um bestimmte Muster zu erzeugen.
Wenn man wissen will, was die Welt im Innersten zusammenhält, kann man sich dieses Kunstwerk von Angelika Höger ansehen und kann verstehen, wie aus relativ einfachen symmetrisch gebauten Grundbausteinen komplexe Muster entstehen, die zu großen organischen Systemen zusammenwachsen und die einem eigentlich klar machen, dass Kunst und Biologie ganz dicht beieinander liegen.