Nico Heimann | sprozz.form.reziprok

Eröffnungsrede von Dr. Cordula Fink-Schürmann, Dramaturgin, Bielefeld

Ich schicke vorweg, dass diese einleitenden Worte in Deine großartige Ausstellung „sprozz.form.reziprok“ höchst subjektiv sind und keinerlei Anspruch auf Verallgemeinerung erheben. Als Dramaturgin bin ich fasziniert und beeindruckt, wie inszenatorisch Du Raum und Fläche bearbeitest, den Raum für Deine Arbeiten strukturierst und mit welcher Präzision Du die Betrachter einfängst, um sie dann auf eigene Pfade zu schicken, ganz nach Deinem Motto: „Suchen, finden, entdecken“.
Der Titel der Ausstellung „sprozz.form.reziprok“ verrät dabei nicht nur durch seine eigenwillige Schreibweise, das wir es hier mit einem sehr eigenständigen Denker, Empfindenden, Entdecker und Kartographen zu tun haben werden, der den Spross, aus dem alles wächst, zwar zitiert. Punkt, die ihn als Künstler bestimmende Formgebung sogleich kurz und bündig mit „form. Punkt.“ benennt und im Adjektiv „reziprok“ auf die Wechselseitigkeit von Entstehungsprozessen und Formgebung verweist. Man wird aber nicht leichterdings bedient, sondern von Anfang an ins Rätsel, in diesem Fall in die semantische Verirrung, geschickt. Ist das, was wir im Vordergrund lesen, das was dahinter steht? Dein Lehrer, der Maler Jochen Stenschke hat darüber gesagt: “Die typografische Irritation verweist auf eine zu erwartende Bildirritation. Hier wächst vermutlich eine eigene Bildsprache mit eigenen Gesetzmäßigkeiten. Die Form hat eine eigene Bildgrammatik.“

Doch bevor wir Dein Werk anschauen, einige Worte zu Dir: Nico Heimann wuchs als Sohn eines Musikers und einer Kunsterzieherin in der Uckermarck auf, wo er am 21. Juni 1981 in Templin im äußersten Nordosten des Landes Brandenburg geboren wurde. Übrigens der Fläche nach der größte Landkreis Deutschlands mit 45 E. pro km2, sehr dünn besiedelt. Fläche, Hügel, Seen soweit das Auge reicht und Ruhe. Man könnte assoziieren: Fläche, Formen, Bewegung und Ruhe. Kunst hat ihn von klein auf umgeben und beschäftigt, und für ihn stand mit 13, 14 Jahren fest, dass er Kunst studieren wollte. Von seiner Mutter wird er übrigens bis heute mit Kinderzeichnungen versorgt, die er sammelt und als Inspiration sieht, insbesondere interessiere ihn die Funktion von Strich und Linie in Kinderwerken, ihre Verrätselung. In der Uckermarckzeit, die 20 Jahre währte, initiierte Nico Heimann, noch in der Schulzeit, selbst ein Kino: „Wenn ich nicht Maler geworden wäre, dann Regisseur!“ Die Leidenschaft für Filme hat ihn bis heute nicht losgelassen, noch immer geht er viel und gern ins Kino, lässt sich inspirieren durch Geschichten auf großen Leinwänden. Dass Nico Heimann schon immer sehr bewusst lebt und seinen Alltag sehr genau seziert, wurde auch mit Beendigung der Schulzeit klar, als er den Zivildienst auf einer Hospizstation in Berlin-Charlottenburg antrat. Dass aber auch Wechsel für ihn ein Elixier sind und er immer wieder neue Herausforderungen sucht, dass seine Interessen breit gestreut sind, dass ihm zudem der Kontakt mit völlig unterschiedlichen Menschen, ihren Biographien und Kulturen, ihren unterschiedlichen Lebensformen ein Anliegen, ja eine „Herzkategorie“ ist, wurde klar, als sich an den Zivildienst eine insgesamt dreijährige Reise anschloss, die ihn für längere Zeit in die Welt führte u.a. nach Dublin, Turin und Quito in Ecuador. Angefüllt mit diesen Eindrücken und voller Ideen begann Nico Heimann zunächst sein Studium der Kunstgeschichte an der TU in Berlin, gefolgt von einem Studium Freie Bildende Kunst an der Hochschule für Künste im Sozialen in Ottersberg/Niedersachsen bei Jochen Stenschke, das er 2010 mit dem Diplom beendete. Eine künstlerische Arbeitsphase in Bremen folgte, und er beteiligte sich an verschiedenen Gruppen- und Einzelausstellungen in München, Bremen, Hamburg, Köln und Berlin.

Seit 2010 lebt Nico Heimann wieder im Arbeiterbezirk Berlin-Neukölln, 45 km2 groß, 7.187 Einwohner pro km2. Fläche plus Menschendichte plus Geschichten, plus Eindrücke plus dichte Zeichenhaftigkeit? „Die Straße ist wie ein riesengroßer Galerieraum“ (N.H.) In Neukölln hat er das „Studio 74“ mitinitiiert, einen Ort für die Kunst, gleichzeitig Atelier und Ort der Arbeit, an dem Filme und Ausstellungen gezeigt werden, 2-3 Präsentationen internationaler Künstlerkollegen pro Jahr, Performances und Lesungen sind ebenso Bestandteil des Programms wie Musik. Das „Studio 74“ versteht sich als eine Plattform, ermöglicht das Aufeinandertreffen, ja Kollidieren von Künstlern, die das eigene Feld erweitern, will aber auch, und das ist Nico Heimann insbesondere wichtig, Kunst im weitesten Sinne als eine Form von Sprachlichkeit verstehen. Und er sagt es mit Begeisterung: Er sei froh, dass es ihnen gelinge auch Menschen des Bezirks ins Studio zu holen, denn der Bezug zum „normalen Alltag“ sei ihm außerordentlich wichtig, ebenso wie das Verbinden von Menschen. Kunst, Leben und Arbeit als eine Form des „Allover“? Ursprünglich aus der figürlichen Malerei kommend, entdeckte Nico Heimann die Straße, wie bereits erwähnt, als „riesengroßen Galerieraum“ für sich und damit auch das Interesse an Streetart. Befragt, was ihn an der Streetart fasziniert, zählte er spontan auf: „Die Schnelligkeit, die Größe, der Reiz des Rebellischen, diese Kunst ist nicht messbar, besitzt keinen Geldwert, sie erweitert den öffentlichen Raum, sie ist Teil der Subkultur, sie ist Abenteuer und zugleich Zauberei.“ Seine Arbeiten heute haben die Figürlichkeit ganz verlassen, sie sind in aller Regel großformatig, manchmal sogar sehr großformatig: „Vor Fläche habe ich keine Angst!“ . Nico Heimanns Diplomprojekt, eine Ausstellung, fand 2010 in einer still gelegten Gleishalle hinter dem Bremer Hauptbahnhof statt. Sieht man die Bilder erkennt man, erkenne ich, auch hier die Lust an der Inszenierung. In Bremen reihten sich an den Wänden 18 Großformate, in den Maßen 3x4 m(?), die sich dem Betrachter, insbesondere bei abendlichen Lichtverhältnissen, nur langsam erschlossen. Hinter den Bildern waren Lichtkörper aufgestellt. Mit 250 eigens aus China importierten Taschenlampen wurde das Publikum auf Entdeckungsreise geschickt, die Bilder waren nur mit diesen Taschenlampen zu erkennen.

Die hier in der Galerie GUM ausgestellten Arbeiten sind alle 2013 entstanden und bis auf eine Arbeit zuvor nicht ausgestellt worden. Zu den bevorzugten Malwerkzeugen Nico Heimanns gehören Buntstifte, Acrylfarben, Sand (?), Lacke wie Buntlack, Klarlack und Schellack und Wachs, aber auch Edding und Kopix, Fingerfarben und sogar Fenstermalfarben, mit weiteren Materialien wird experimentiert, und sie werden es im Fall des Schaufensterbildes sehen, auch Buttermilch kann dazu gehören. Vorbilder hat Nico Heimann keine, wohl aber Malerkollegen, die er sehr inspirierend findet wie Cy Twomby oder den Amerikaner Jean-Michel Basquiat (1960-1988), der erklärte: “Was mir gefällt, erscheint in meinen Bildern!“ Basquiats direkter und gestischer Arbeitsweise, seiner Zuwendung zum Zeichenkosmos Schrift, mit seinen Zeichen und Piktogrammen, die eine zentrale Rolle neben Farbe und Figuration in seinem Werk einnehmen, fühlt sich Heimann verbunden.
Ich sprach eingangs von der von mir bewunderten inszenatorischen Bearbeitung des Ausstellungsraums. Sie haben von außen schon das unter anderem mit Buttermilch gemalte Eingangsszenario gesehen, das Neugierige unweigerlich in den Ausstellungsraum zieht. Die Gucklöcher, besser Guckflächen verheißen Verlockungen, laden zum neugierigen Hindurchschauen und anschließenden Betreten des Ausstellungsraumes ein, um den Blick zunächst auf das großformatige Triptychon an der Längswand des Raumes zu lenken, gemalt auf 350 g Papier, 2.90m x 1.50m messend. Die Grundform des Bildes eines jeden Teils des Triptychons ist vor Beginn des Malaktes gesetzt, sie ist nicht dem Zufall überlassen. Die zunächst planen Flächen werden bewusst akzentuiert, die Formen bewusst gesetzt. Eine genaue Kenntnis des Materials, auch seiner Reaktionen aufeinander, ist unabdingbar. Im Malakt selbst aber entstehen auch immer wieder Formen, Strukturen, Verläufe und Farbläufe über die der Maler keine Kontrolle hat, auf sie muss er re-agieren, sie bearbeiten. Auch das Risiko der Beliebigkeit wird durch genau platzierte Linien und Formen sowie typografische Symbole außer Kraft gesetzt. Durch malerische und zeichnerische Schichtungen der Farbaufträge und durch zahlreiche Überlagerungen entstehen unterschiedliche Bildebenen, wird bisweilen ein Gefühl von Perspektive evoziert. Durch oszillierende Bewegungen, Zeichen und Sprachsymbole ergeben sich dramatische (Zeichen)strudel zwischen den einzelnen Bildflächen, bewusst akzentuiert oder unterlegt durch große, starke Formen und Farben, häufig blau und insbesondere schwarz als Gegenspieler. Formen entstehen durch die Flächigkeit des Farbauftrags. Farbtextur, Helligkeits- und Farbkontraste sind wichtig. Nichts, auch nicht das bewusste Platzieren der typografischen Irritationen, ermöglicht eine dechiffrierbare Narrativität. In den Bildern enthalten sind Begegnungen, Erinnerungen, Situationen, Gedanken, sie sind die malerische und zeichnerische Auseinandersetzung mit dem, was den Maler umgibt, was ihm widerfährt, vielleicht könnte man sagen: Es sind ikonographische Fixierungen seines Denkens, seiner Haltungen, seiner Erlebnisse ohne jegliche Form linearer Narrativität. Jedes der Bilder könnte alleine bestehen, sie sind in sich geschlossene Bildsysteme, in der Hängung und auch der Bearbeitung bewusst gesetzt. Übrigens: bei allen Arbeiten gilt das Gleiche: Wenn ein Bild abgeschlossen ist, erhält es keinen Titel, denn der Betrachter soll nicht gelenkt werden, wie gesagt: Es gibt keine Bildgeschichte.
Die 22 Kleinformate in unterschiedlichen Formaten wie Din A4, A3 etc., ausgeführt als Zeichnungen oder als gemalte Einlassungen an der Stirnwand des Raumes, sind absolut eigenständig, sie stehen für sich und besitzen keinen Skizzencharakter. In der Hängung erscheinen sie wie mögliche Fragmente von Großformaten, und es ergibt sich durch die Hängung der Eindruck eines Großformates. Die mittelgroße Arbeit am Treppenaufgang sollen sie für sich selbst entdecken, liebe Anwesende, am besten achten Sie dabei auf ihren Bezug zur Hängung im Nebenraum. Das Selbstentdecken ist ganz im Sinne des Malers, der ein Sichverlieren in den Bildwelten, die Übermächtigung mit Eindrücken und das Sichverirren im Bildraum ausdrücklich begrüßt.
Sie als Betrachter und das Werk stehen im Zentrum, das heißt auch: Es ist möglich, täglich Neues zu entdecken, eine eigene Geschichte zu bauen, sich der „Übermacht“ der Erfahrung zu ergeben, durch die Bilder zu fliegen und sich in ihnen zu verlieren und Nico Heimann ruft dabei zufrieden „Such Dir D e i n e Geschichte!“