Eröffnungsrede von Martin Reinhardt, Kurator, Filmemacher und Filmtechniker, Wien

Vera hat mich gebeten die Eröffnungsrede zu halten, was ich gerne tue, weil wir Geschwister im Geiste sind und ich ihren spöttischen und liebevollen Blick auf die Welt schätze und teile. Ich bin kein Kunsthistoriker und kein Kulturpolitiker und hoffe, dass Sie von mir nicht erwarten, dass ich über ikonographische Ableitungen oder gesellschaftsrelevante Bezüge zur Gegenwartskunst rede. Und obwohl ich Wiener bin, liegt es mir völlig fern, mich in tiefenpsychologischen Deutungen zu üben.

Es ist aber auch nicht so, dass ich gar nichts zu sagen hätte. Immerhin bin ich in dieser Ausstellung selbst als Pappmännchen vertreten und kann sozusagen aus der Perspektive des Exponats zu Ihnen sprechen. Ohne mein eigenes Porträt aus der Reihe der anderen hervorheben zu wollen, lässt sich daran doch etwas aufzeigen, was Veras Arbeit und Wesen gut beschreibt und einer der Gründe ist, aus denen ich ihre Kunst so sehr schätze.

Inmitten der "Wurstlandszene" sieht man mich ich als Mann mittleren Alters mit einer Bratwurst in der Hand. Die Szene wirkt friedlich und lässt jene Drastik vermissen, die Veras Arbeiten sonst oft auszeichnet. Durch den Verzicht auf spektakuläre Effekte tritt dabei ein Aspekt deutlicher hervor, der gut versteckt auch in den übrigen Figuren und den Leporellos zu finden ist. Er wird an dem kleinen Mops deutlich, der sich zärtlich an mein Bein schmiegt. Anders als der Bart, den ich zu jener Zeit trug, ist dieses Detail frei erfunden und mir als Wunsch- und Sehnsuchtstier beigestellt. Vera weiß, dass ich seit Kindheitstagen von einem solchen Hund träume.

Wie bei meinem Porträt handelt es sich auch bei den anderen Szenen nicht nur um verdichtete Blitzlichtaufnahmen des postkapitalistischen Alltags und Zusammenlebens, sondern immer auch um einen Ausdruck der ehrlichen Hoffnung auf privates Glück jenseits tradierter und klischierter Lebensentwürfe. Selbst wenn es manchmal nach Zerwürfnis und Streit aussieht, hängen die Figuren doch untrennbar aneinander, durchdringen und stützen sich. Die Leporellos wiederum sind intime Zustandsbilder, deren Pfade Vera traumwandlerisch ertastet hat. Die Bilder folgen einer flüssigeren Logik als die Figurenszenen und die Begebenheiten, Wünsche und Begierden, von denen sie handeln, sind verschlüsselter und komplexer.

Was aber allen Arbeiten dieser Ausstellung gemeinsam ist, scheint mir eine Sehnsucht des Herzens zu ein, deren Wege Vera in ihnen darstellt, ohne über sie zu urteilen. Mit ihrem klaren Blick für die kleinen und manchmal beschämenden Begierden und Affekte entwirft sie gleichzeitig ein moralisches und ein amoralisches Bild des Menschen. Amoralisch im Sinne einer Libertinage, die sich um den bürgerlichen Kodex des guten Benehmens reichlich wenig schert - moralisch im Sinn, dass sie für eine Ganzheit der Person plädiert, die nicht versucht Unerwünschtes und Lächerliches auszublenden, zu schönen oder weg zu therapieren. Ich mag diese Unvoreingenommenheit und das beinahe wissenschaftliche Interesse, mit dem Vera dabei ihrem Gegenüber und sich selbst entgegentritt.

Als Abschluss meiner Rede soll ich Sie im Namen der Künstlerin auch noch auf die enorme Wertsteigerung hinweisen, die die ausgestellten Kunstwerke innerhalb kürzester Zeit erfahren werden.