Gabriele Undine Meyer | Vorübergehende Behausungen

Eröffnungsrede von Daniel Neugebauer, Kunsthalle Bielefeld

Wir weihen hier heute Abend einen neuen Raum ein, und geradezu paradigmatisch stellt Gabriele Undine Meyer hier neue Arbeiten vor, die sich mit Räumlichkeit im weiteren, Behausungen im engeren Sinne befassen. Ihre eigene, ganz private (Lebens-) Raumsuche ließ sie den Wunsch nach einer tieferen Auseinandersetzung mit dem Wohn- als Erlebnisraum spüren.

Fast alle hier kennen die Künstlerin, die meisten wahrscheinlich besser als ich, und alle wissen, dass eine Auseinandersetzung mit räumlichen Situationen bereits intensiv in ihren filmischen Arbeiten stattgefunden hat. Wird hier, wie auch in den fotografischen Arbeiten zart mit Überlagerung und Transparenz gearbeitet, wagt es Meyer in ihren neuesten Arbeiten, sich schlicht und sehr materiell zu geben.

Rein technisch hat sich ihre Arbeit extrem verändert. Mit den gefundenen Fotos, die sie als Reminiszenzen an das kollektive Gedächtnis vergrößerte, den Beatifics, habe sie abgeschlossen. Auch die filigrane Arbeitsweise schien ihr nicht mehr passend. Sie entdeckte die für sie ganz neue Faszination an dem billigen Material Wellpappe, das ihr die Möglichkeit gab, ganz frei und ungehemmt ihren Interessen und Sehnsüchten freien Lauf zu lassen. Mit der Entscheidung für dieses Material ging die Entscheidung einher, das Private anstelle des Kollektiven zu untersuchen. Diese Entscheidungen bündelten sich im Erstellen von Behausungen. Nicht einfach ein Haus entstand, sondern ein verdichtetes Haus, das aus verschieden Zimmern ihrer Biografie zusammengesetzt war. In einfachster ästhetischer Form wurde so ein hochkomplexes Geflecht aus Emotionen und Erinnerungen zusammengetragen. Das fertig erstellte Objekt befriedigte ihre künstlerische Neugier jedoch noch nicht. Via Fotografie drang sie in die Behausungsstruktur ihrer Gedächtniswelten ein, um sie anschließend zu dekonstruieren. Schritt für Schritt baut sie also diese Behausung wieder auseinander und macht von diesem Prozess kühl distanzierte Fotografien, die wir in dieser Arbeit aneinander gereiht sehen können. So können wir auch dem Prozess folgen, der Gabriele Undine Meyer tatsächlich interessiert, nämlich: Lässt sich aus real erinnerten Strukturen eine Verbindung zum ästhetischen Empfinden der Künstlerin herstellen? Verfolgen wir die Demontage hier auf den Fotos, bekommen wir zumindest eine Ahnung davon, wie das Abbauen der alten Erinnerungsräume zum Befreiungsschlag für das Subjekt wird. Was eben noch als Quelle dunkler oder vergrabener Erinnerung diente, wird mehr und mehr zu einer Struktur, bekommt eine formale Qualität und kann damit auch Objekt ästhetischer Analyse werden. Hier wird ein vehementer künstlerischer Wille manifest, der dem Objekt abverlangt, sich preiszugeben, der Material und Verarbeitung so wählt, dass das Geheimnis beinahe wie auf dem Seziertisch ans Licht geholt werden kann.

Die dreidimensionale Arbeit mit dem Titel „Haus“ führt dann noch tiefer in Meyers Wohnen und Wollen. Auch hier startete sie autobiografisch mit der Ausfertigung ihres Kinderzimmers, wie ein Krebsgeschwür wucherten dann Räume über Räume aus dieser Keimzelle, alle mit biografischer Relevanz. Ein absurdes Traum- oder Erinnerungshaus entstand, das aber auch wiederum keine zufrieden stellende ästhetische Lösung für die Künstlerin war. Sie griff zur Säge. Nach Gutdünken zersägte sie die Behausungen, die Strukturen ihrer Erinnerung und schaute, was blieb: Etwas Ehrlicheres. Es wurde nicht durch das Zersägen eine kindliche aufgestaute Wut freigelassen, keine Bourgeoise Destruction of the Father vorgenommen, sondern ein Bild, bzw ein Objekt für den Umgang mit der Topologie unserer Erinnerungen gefunden, das schlüssiger war: absurd, mit Brüchen - Späne, die als Geröll noch herinnen liegt, versinnbildlicht das. Hier veranstalten das Filigrane der Erinnerungsarbeit und das Grobe des Materials ein Kräftemessen, Ästhetik, Spiel und Anspruch auf Authentizität verbinden sich spannungsvoll. Es entstehen Favelas, anarchische Behausungen zwischen Müll, Schutz und Geschichte, die in jedem Fall mehr als eine Lesart herausfordern.
Im nächsten Schritt fotografiert Gabriele Undine Meyer die Teile der Behausungen wieder und setzt sie spielerisch am Computer neu zusammen. Sie erprobt die Flexibilität ihrer Erinnerungsleistung und inwieweit ihre persönlich, als authentisch empfundene Erinnerung, durch ästhetische Strukturen gefiltert wurden. Strukturen, die sie im Laufe ihres Lebens aufgebaut hat - vielleicht mit Hilfe der Behausungen die sie nun befragt. Darum ist es nur logisch, dass sie die emotional aufgeladenen Raumteile wieder in eine Struktur bannt und sie als das zeigt, was sie sind: ästhetische Konstrukte. Es sieht hier nämlich ganz einfach schön aus, wenn sie alles auf die Farbqualität reduziert.

Damit hat die Künstlerin uns visuelles Material geliefert, das uns ein Konzept dafür anbietet, mit den ästhetisch prägenden Situationen von Räumlichkeiten umzugehen, die eng mit unserer Biografie verknüpft sind. Dabei hat sie ihren künstlerischen Raum um eine Dimension erweitert. Da den neuen wie den alten Arbeiten jedoch eine Art Spuk innewohnt, können wir wohl davon ausgehen, dass hier ein Funke für weitere manifeste Ortlosigkeiten gelegt wurde.

Behausungen können nie etwas anderes als vorübergehend sein. Wohl sind sie Vermittler, Gestalter und Manifeste unseres Wesens, haben all diese Qualitäten jedoch nur ob ihrer dynamischen, zeitlich begrenzten Qualität. Sie haben die Kraft, den Spuk auf Menschen zu übertragen und von ihm zu empfangen. Gabriele Undine Meyer macht diese Prozesse manifest. Hier schließt sich der Kreis zu ihren früheren Arbeiten, bzw. streift die Spirale einen Teil, der die Vergangenheit mit der Zukunft verbindet. Dazwischen richtet sie sich ein und erzählt mit festem Blick ihre Geschichten der Haltlosigkeit.